Diesmal geht es um Kritik. Und zwar diejenige Kritik, die andere betrifft.
Dieses leidige Thema verfolgt uns alle täglich. Ob der Sitznachbar im Flugzeug mit seinem Arm zu sehr in unseren Bereich eindringt, ob die Kinder Lebensmittel nicht in den Kühlschrank zurück stellen oder ob ein Mitarbeiter die Unterlagen nicht rechtzeitig fertig gestellt hat. Jedes mal bewegt sich da einiges nicht in unserem Kopf, dafür aber im gesamten Körper. Emotionen machen sich breit, von Staunen über Verärgerung, Verzweiflung, Enttäuschung bis hin zu Schmerz. Und dies nicht nur über die Tatsachen, die gerade vorgefallen sind, sondern auch über Vergangenes, Altes, bereits Vergessenes; – ja, damals hat er/sie das auch schon zu spät geliefert, die Form hat auch damals nicht gepasst, und, und , ...
Allseits bekannte Regel dabei: Zuerst cool down und äußere dann erst dein Unbehagen nach bestimmten allseits bekannten Regeln. (Die effektivste Regel, die wir hier kennen ist die „Non Violent Communication“ nach Marshall Rosenberg, doch darüber vielleicht ein anders Mal).
Was geschieht in einem/einer, wenn man sich über etwas ärgert, das jemand anderer getan hat? Bitten wir dazu S. Freud zu einer Stellungnahme. Diese könnte etwa so gelautet haben: „In solchen Situationen kann ein bestimmter Abwehrmechanismus wirksam werden, den ich Projektion nenne. Man erkennt beim anderen ein Verhalten, das auch bei einem selbst vorkommt, das man aber verabscheut. Um sich selbst nicht zusätzlichen Schmerz zuzufügen, indem man das bei sich anerkennt, kann man sehr geschickt damit umgehen, indem man dieses Verhalten beim anderen kritisiert. Damit hätte man dann eigentlich sich selbst kritisiert, ohne dass es einem unangenehm ist.“
Was sagt jedoch die andere Person? Die könnte über die Heftigkeit und über die Tatsache der Kritik erstaunt bis verletzt sein; sie bekommt das ab, was uns eigentlich selbst gebührt. Auch wenn das kritikwürdige Verhalten wirklich stattgefunden hat, reagieren die anderen abweisend, schieben die Kritik wieder zurück. Sie spüren die „Projektion“, nicht ohne emotionaler Betroffenheit, die jetzt von beiden Seiten spielt. Plötzlich geht’s beiden schlecht, und das Ziel des Kritisierenden ist weiter entfernt denn je.
Unser Ratschlag: Verzichten Sie auf alle Äußerungen wie Kritik, Vorwürfe, Beschuldigungen und ähnliches. Ersetzen sie diese durch Wünsche und Bitten!
Konkret um Wünsche für jetzt oder für die Zukunft, nicht aber für die Vergangenheit. Der Effekt liegt auf der Hand: Die Vergangenheit, die bekannter weise nicht verändert werden kann, wird nicht unnötig aufgewühlt, dafür wird in die Zukunft geschaut. Und diese wiederum ist tatsächlich noch gestaltbar. In ihr können angenehmere Situationen entstehen. Weiters brauche ich meine Verärgerung mit mir über ein bestimmtes Verhalten nicht in eine Projektion verpacken und nach außen schleudern (und damit die Umwelt verschmutzen). Ich packe es direkt an und kümmere mich selbst darum. Durch den Wunsch und die Bitte an den anderen gestalte ich einen Dialog, in dem ich die Richtung, die ich gerne hätte, verdeutliche, und zwar auf eine Weise, die es dem/der anderen attraktiv macht, in diesen Dialog einzusteigen. Die Chancen, dass es besser wird, sind sehr viel größer als bei einer traditionellen Kritik.
Möglicher Pferdefuß: Weiß ich überhaupt, was ich will, von andern wünsche? Nun, darüber zahlt es sich aber sicher aus nachzudenken.
Probieren Sie es aus; gutes Gelingen!
Ihr Gerardo Drossos

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