unsystemischer Ratschlag
... an Kastanienbäumen vorbei, herbstlichen Alleen entlang ...

Es ist Herbst geworden. Wer durch Alleen wandert, stößt auf Kastanien, möglicherweise massenweise. Haben Sie auch, früher, Figuren gebastelt aus diesen Dingern?

Zuerst ging es darum, Löcher zu bohren. Mitte September war die Schale noch ganz weich, da ging das gut. Einige Wochen später konnte man sich schon blutige Finger holen, wenn man das, mit einem Metallspieß aus der Küche bewaffnet, versuchte. Streichhölzer waren gut, Zahnstocher noch besser. Und dann standen sie da, Giraffen, Hunde, Schafe oder Atommodelle jedweder Gestalt. Und es war toll, wenn wohlmeinende BetrachterInnen diese Lebewesen aus Frucht und Holz beim Namen nannten.

An Kastanientiere muss ich denken, während ich mir, spazieren gehend, ein Angebot überlege. Man steht unter dem Baum und wünscht, die kleinen hübschen stacheligen Früchte mögen endlich runterfallen. Dann fallen sie, viele. Man findet die schönsten für die Fabelwesen, die im Kopf längst lebendig sind. Sie werden zurecht gelegt, an den richtigen Stellen mit Löchern versehen, miteinander verbunden und vorteilhaft drapiert. Stolz steht man da, lässt seine Geschöpfe sehen - und ist zugleich unsicher, ob sie anderen wohl auch gefallen werden.

Es ist schön, wenn BetrachterInnen das Angebot wohlwollend lesen und ihre eigenen Fabeltiere in und zwischen den Zeilen erstehen sehen. Dann beginnen die Augen zu leuchten. Und wenn alles gut geht, der Wind nur leise weht und die Sonne ganz warm scheint, wenn kaum Geräusche zu hören sind, außer vielleicht der einen oder anderen Spätsommergrille, dann stehen die Chancen gut, dass die gemeinsame Fabelwelt langsam und leise lebendig wird.

Es kann schön sein, herbstliche Alleen entlang zu wandern.

Ihr Martin Carmann